Google Analytics von der Website entfernen? Oder doch nicht?

Ein Artikel forderte, Google Analytics von der Website zu werfen. Wir haben jede einzelne Behauptung geprüft und geschaut, welche davon wirklich trägt.

Von Mark Koemans 7 Min. Lesezeit

Aufsicht auf eine weisse Tastatur, zwei roségoldene Stifte, eine Lesebrille und einen leeren linierten Notizblock auf einem weissen Tisch

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Heute bin ich über den Artikel "Why you should remove Google Analytics from your site" gestolpert. Sofort war ich neugierig, denn als Performance Marketer kenne ich nur gute Gründe, Google Analytics zu benutzen, nicht es zu entfernen.

Nach dem Lesen war ich überrascht, wie viel Unkenntnis, Angstmacherei und Belanglosigkeit darin steckt.

Ich hänge niemandem gern ein Etikett an, ohne es zu begründen. Darum erkläre ich in den folgenden Abschnitten, warum ich den Autor als unkundig und angstschürend bezeichne, und gebe dir gleichzeitig etwas Stoff zum Nachdenken über das ganze Thema, also Webanalyse allgemein und Google Analytics im Besonderen.

Ich gehe dafür die zentralen Behauptungen des Autors durch und ergänze ein paar Denkmodelle, mit denen sich das Thema auseinandernehmen lässt. Am Ende sollst du den Blick haben, um für deine eigene Situation einschätzen zu können, was passt.

Die BehauptungUrteil
1. Es gehört Google, dem grössten Ad-Tech-KonzernStimmt, daraus folgt aber wenig
2. Google verschlingt alle persönlichen DatenWertende Wortwahl. Analytics sieht Cookies, IPs und Verhalten, keine Namen oder Kartendaten
3. Ein aufgeblähtes Script, das die Seite bremstFalsch. Es lädt asynchron und wird nach dem ersten Aufruf zwischengespeichert
4. Für die meisten Betreiber überdimensioniertNach unserer Erfahrung mit vielen Kunden falsch
5. Cookiebasiert, ohne Cookies nicht nutzbarFalsch. Cookie-Tracking lässt sich abschalten, zu Lasten der Genauigkeit
6. Es erzwingt nervige Cookie-BannerFalsch zugeordnet. Das tun die Vorgaben, nicht das Tool
7. Es wird blockiert, darum sind die Daten ungenauStimmt, gilt aber genauso für jede Alternative
8. Referral-Spam verfälscht die DatenStimmt, und keine Plattform ist dagegen immun
9. Proprietär, du musst Google vertrauenStimmt, du vertraust aber auch bei jeder Alternative jemandem
10. Plausible Analytics als AlternativeBaut auf den obigen Behauptungen auf, also trägt die Begründung nicht
Die zehn Behauptungen und was davon trägt

Behauptung 1: Es gehört Google, dem grössten Ad-Tech-Konzern der Welt

Stimmt. Dazu gibt es wenig zu sagen. Ausser, dass Google diesen Platz vermutlich durch ausgezeichnete Arbeit erreicht hat.

Behauptung 2: Google hat ein Geschäftsmodell, das alle persönlichen Daten verschlingt, an die es herankommt

Hier baut der Autor sichtbar einen Spannungsbogen auf und greift zu einer Sprache, die Schlimmes nahelegt, etwa mit dem Wort "verschlingen". Das ist ein grosses Wort. Aber welche persönlichen Daten sammelt und analysiert Google Analytics überhaupt? Cookies, IP-Adressen und das Verhalten der Besucher auf der Website. Es erfasst keine Kreditkartendaten, keine Namen und keine Daten, mit denen sich eine bestimmte Person identifizieren liesse. Die Richtlinien verlangen ausdrücklich, keine personenbezogenen Daten an Google Analytics zu senden. Ausserdem lassen sich IP-Adressen in Google Analytics von Haus aus anonymisieren.

Man kann natürlich argumentieren, dass schon Cookies und IP-Adressen zu viel sind. Lies weiter. Vielleicht änderst du deine Meinung, vielleicht auch nicht.

Behauptung 3: Google Analytics ist ein aufgeblähtes Script, das deine Seite verlangsamt

Das stimmt nicht.

Das Google Analytics Script lädt asynchron und kann darum praktisch nicht beeinflussen, wie schnell die eigentliche Website geladen und gerendert wird. Das sollte inzwischen jede Webentwicklerin und jeder Webentwickler am Anfang der Laufbahn wissen. Dass der Autor diese Behauptung aufstellt, lässt ihn in meinen Augen nur unkundig dastehen.

Ausserdem wird das Google Analytics Script nach dem ersten Seitenaufruf im Browser zwischengespeichert. Danach lädt es noch schneller.

Hier eine Erklärung, was asynchrones Laden bedeutet und wie es sich auf die Website auswirkt: der KeyCDN Leitfaden zu asynchronen Ressourcen.

Behauptung 4: Für die meisten Website-Betreiber ist es überdimensioniert

Ich habe mit vielen Kunden an ihren Websites gearbeitet. Entweder wollten sie Webanalyse verstehen lernen, und dann war Google Analytics immer einfach genug, oder sie wollten gar nicht in die Daten eintauchen. Überdimensioniert war Google Analytics für niemanden, den ich kenne.

Mir ist ausserdem wichtig, dass unsere Kunden ihr Wissen ausbauen können. Jede Lösung, die das begrenzt und die Nutzer bewusst ahnungslos hält, ist mir suspekt. Google Analytics hilft beim Wissensaufbau.

Behauptung 5: Google Analytics ist cookiebasiert und lässt sich nicht ohne Cookies nutzen

Stimmt nicht. Das Cookie-Tracking lässt sich abschalten. Die Genauigkeit aller Berichte sinkt dadurch allerdings deutlich.

Falls du wissen willst wie, hier eine einfache Anleitung, um Cookies in Google Analytics zu deaktivieren: diese Antwort auf Stack Overflow.

Nicht Google Analytics macht das Nutzererlebnis unbequem. Das tun die Vorgaben von DSGVO und CCPA.

Dazu kommt meine Entgegnung zu Behauptung 5: Schalte das Cookie-Tracking in Google Analytics ab, und du kannst es ohne Cookie-Banner weiter nutzen.

Behauptung 7: Es wird von vielen blockiert, darum sind die Daten ungenau

Der Autor legt nahe, es gebe eine Alternative, und versucht damit ganz offensichtlich, seine eigene Lösung zu verkaufen.

Die Logik ist wieder einfach: Wer Google Analytics blockiert, blockiert jedes Webanalyse-Script. Es gibt keine Alternative und keine bessere Lösung, die das umgeht. Jede andere Webanalyse steht vor demselben Problem.

Ausserdem ist der Anteil blockierter Webanalyse-Scripts deutlich tiefer, als der Artikel vermuten lässt. Der häufigste Grund sind Adblocker, die für bis zu 25 Prozent blockierter Besuche stehen, meistens aber für weniger: der Moz-Artikel über Analytics Black Holes.

Behauptung 8: Referral-Spam verfälscht die Daten

Stimmt, aber gemessen am Gesamtbild, das Google Analytics liefert, ist das eine kleine Unannehmlichkeit.

Zudem ist keine andere Webanalyse-Plattform gegen Referral-Spam immun, womit die Behauptung ins Leere läuft.

Behauptung 9: Es ist ein proprietäres Produkt, du musst Google also vertrauen

Stimmt. Das muss ich aber bei jeder anderen Lösung auch, selbst bei Open Source. Warum, erkläre ich gleich.

Behauptung 10: Plausible Analytics als Alternative

Wirklich?

Ich habe deutlich genug gemacht, dass es Unsinn ist, eine Alternative auf den obigen Behauptungen aufzubauen, und dass das Ergebnis vermutlich wenig wert ist.

Aber Moment. Ich finde nicht, dass es keinen Platz für Alternativen gibt. Es existieren Alternativen zu Google Analytics, die seit Jahren entwickelt werden. Nur: Es gibt keine "bessere" Alternative, sondern nur Alternativen mit anderen Vor- und Nachteilen.

Grosskonzern gegen kleine Firma

Da ist diese allgegenwärtige Angst vor Grosskonzernen und der Verdacht, sie könnten unser Vertrauen und unsere Interessen missbrauchen. Ich verstehe das. Ich will hier nicht zu tief einsteigen, weil das Thema endlos ist.

Zwei Punkte sind mir wichtig.

Grosskonzerne werden von so vielen anderen Firmen, von Behörden und von der Öffentlichkeit beobachtet, dass es für sie gar nicht so einfach ist, sich gegen die Interessen der Konsumenten zu stellen. Kleine Firmen haben dagegen deutlich mehr Spielraum für unkundiges oder böswilliges Verhalten, und das bleibt oft viel länger unentdeckt.

Gross ist kein Synonym für böse, und klein keines für gut.

In unserem Fall hat Google eine lange Geschichte hochwertiger Dienste und der Einhaltung von Gesetzen rund um die Welt. Man darf sagen, dass Google uns genug Gründe gegeben hat, darauf zu vertrauen, dass es unsere Daten so gut wie möglich schützt und die Interessen der Nutzer respektiert. Fehlerfrei ist der Konzern nicht. Aber er verbessert sich offenbar laufend.

Zentrale gegen dezentrale Daten

Man kann noch einen Schritt weitergehen und argumentieren, Webanalyse-Daten liessen sich dezentral halten und wären damit aus den Händen der Grosskonzerne. Das Problem daran: Auch dezentrale Daten müssen von irgendjemandem organisiert werden. Nimm Kryptowährungen, besonders Bitcoin. Die Gruppe, die den Code schreibt und die Regeln setzt, ist oft anonym und für keine Aufsicht erreichbar. Wer beaufsichtigt die Programmierer? Wer prüft ihre Absichten, Motive und ihren Code?

Daten in den Händen grosser Konzerne können etwas Gutes sein, gerade weil sich diese Konzerne leichter regulieren lassen.

Im Zuge datengetriebener Optimierung hat sich das Web in den letzten Jahrzehnten extrem schnell verändert. Wir geniessen im Netz Bequemlichkeiten in einem Ausmass, das früher unvorstellbar war. Viele, wenn nicht die meisten dieser Verbesserungen wurden erst durch Webanalyse und darauf aufbauende Anpassungen möglich.

Wenn wir die Fähigkeit, diese Daten auszuwerten, beschneiden oder ganz entfernen, bremsen oder verhindern wir diesen Prozess. Das ist, als hätte man das Rad erfunden und würde es dann verbieten, nur weil einige es zu ihrem Vorteil missbraucht haben.

Alternativen

Und ja, es gibt Alternativen zu Google Analytics. Ernsthaft in Betracht ziehen würde ich allerdings nur eine: Matomo, früher als Piwik bekannt. 2007 als Piwik gestartet, hat diese Lösung eine grosse Nutzerbasis aufgebaut und sich über lange Zeit einen guten Ruf bewahrt. Der wichtigste Unterschied zu Google Analytics ist die Datenhoheit. Während Google Analytics alle Daten in seiner Cloud speichert, legt Matomo sie in deine Hände. Das klingt gut, bringt aber eigene Nachteile mit. Bei Matomo trägst du die Verantwortung, die Daten zu schützen und deine Installation aufzusetzen und zu pflegen. Und obwohl Matomo eine beachtliche Nutzerbasis hat, ist sie viel kleiner als die von Google Analytics, was es schwerer macht, Lösungen für auftretende Probleme zu finden. Darum empfehle ich Matomo nur Menschen, die bereit sind, diesen Zusatzaufwand und diese Verantwortung zu tragen.

Google AnalyticsMatomo
Wo die Daten liegenIn Googles CloudIn deiner eigenen Installation
Wer sie schütztGoogleDu
Einrichtung und WartungKeineDeine Aufgabe
Grösse der CommunitySehr grossBeachtlich, aber deutlich kleiner
Antworten auf Probleme findenEinfachSchwieriger
KostenKostenlosHosting und deine Zeit
Matomo und Google Analytics, der eigentliche Tausch

Für alle anderen ist Google Analytics völlig in Ordnung. Es ist kostenlos, gut dokumentiert, hat eine grosse Community, durchdachte Berichte und viele Möglichkeiten, es an deine Datenschutzansprüche anzupassen.

Wenn du dabei bleibst, sollte es auch das Richtige messen. Wir haben die fünf Fehler gesammelt, die wir in fast jedem neuen Konto finden.

Quellartikel: Why you should remove Google Analytics from your site, von Marko Saric